Sonntag, 2. August 2009

Eisenschwein-Entzug

Im letzten Herbst hatte ich ja mein Eisenschwein gekauft, in der Hoffnung, viel Freude beim Herumfahren mit diesem Motorrad zu haben.
Die Überführungsfahrt von Norddeutschland bis nach Hause war ja schon ein teilweise frustierendes Abenteuer, aber danach stellte ich fest, dass die Motorleistung weit unterhalb der in den Papieren eingetragenen Werte lag.
Über das Internet fand ich Kontakt zu einem XS-Stammtisch in der Nähe von Bad Kreuznach, etwa 100 km von zu hause entfernt. Die Stammtisch-Kollegen schauten nach und taten ihr bestes, aber es wurde nicht besser.
Da die Farbe (gelb) mir sowieso nicht gefiel, der Luftfilterkasten einen Riss hatte, die montierten Koffer zu kleine Öffnungen hatten usw. beschloss ich eine Umlackierung und schaffte mir u.a. einen besser erhaltenen Luftfilterkasten an.
In der Winterpause lackierte ich die Dicke (Kosename für das Eisenschwein) also in weinrot-metallic um, dekorierte sie mit Schriftzügen und Goldstreifen, synchronisierte die 4 Vergaser, wechselte den Luftfilterkasten, machte Ölwechsel, tauschte defekte Gasschieber mit undichten Membranen aus und tat weitere Dinge und wollte im April die neue Saison mit einer Ausfahrt einläuten. Aber der Luftfilterkasten war schnell mit Sprit vollgelaufen und die Dicke lief überhaupt nicht mehr.
Nach einer Diskussion in einem Internetforum entschloss ich mich dazu, die Vergaser zu überholen - alle Einzelteile zu reinigen, defekte Teile zu ersetzen und alles neu einzustellen. Durch das Forum fand ich einen lieben Kollegen, der sich bereit erklärte, für eine Aufwandsentschädigung diese Arbeiten zu tun, da ich selbst restlos überfordert war.
Ich schickte die Vergaserbank also nach Hamburg und wartete sehnsüchtig auf die Ankunft der überholten Vergaser. Nach 8 Wochen war es soweit: die generalüberholte Vergaserbank war wieder zurück. Der liebe Kollege in Hamburg hatte sie in seinem Eisenschwein getestet - alles schien ok zu sein. Erwartungsvoll baute ich sie abends bei mir ein. Doch ruckzuck war der Luftfilterkasten wieder voll Sprit und die Dicke war nicht zum Laufen zu bewegen.
Ich baute die Vergaserbank frustiert wieder aus, kontrollierte sie, fand keinen Fehler, prüfte die Dichtheit und die Schwimmereinstellungen - alles ok. Im ausgebauten Zustand schloss ich sie am Tank an und öffnete die Benzinhähne - die Schwimmerkammern füllten sich mit Sprit, bis die Schwimmerventile schlossen.
Freudig baute ich die Vergaserbank wieder ein und startete erwartungsvoll den Motor - doch nach wenigen Sekunden starb der Motor wieder ab und aus dem Luftfiltergehäuse tropfte wieder der Sprit. Mindestens 15 Mal habe ich die Vergaserbank ausgebaut, alles kontrolliert und für gut befunden, wieder eingebaut und immer wieder das gleiche Erlebnis gehabt. Die XS-Gemeinde im Internet hat mitgefühlt und mich mit zahlreichen Tips unterstützt. Alles half nichts - die Sache schien sehr mysteriös zu sein. Inzwischen war aus Ende April schon der 19. Juli geworden - und ich war noch keinen Kilometer in dieser Saison mit der Dicken gefahren!
In meiner Verzweiflung packte ich die Vergaser wieder ein und schickte sie noch mal nach Hamburg zur Kontrolle. Als ich sie soeben mit der Post fortgeschickt hatte und mir alles noch mal durch den Kopf gehen ließ, blieb ich an den Blindnippeln am Luftfiltergehäuse hängen - ich meinte mich zu erinnern, dass die Nippel, an die zwei Vergaserschläuche angeschlossen werden, beim alten Luftfiltergehäuse Bohrungen aufwiesen, und am jetzt eingebauten Luftfiltergehäuse keine Bohrungen mehr aufwiesen, also blind waren. Und mein Motorrad war vom Untertyp 2H9, der scheinbar baugleiche aktuelle Luftfiltergehäusedeckel trug jedoch die Aufschrift 5K7 (schien von einem Schwestermodell meiner Dicken zu stammen).
Nachdem ich diese Entdeckung im Internet-Forum diskutierte, war die Sache endlich klar: die Vergaser des Schwestermodells entlüften anders und benötigen keine Entlüftungsschläuche, die am Luftfilterkasten angeschlossen werden - daher sind die Bohrungen am Luftfilterkastendeckel auch geschlossen. Aber meine Vergaser konnten im eingebauten Zustand nicht entlüften, da die Entlüftungsbohrungen ja geschlossen waren. Also blieben Luftblasen in den Schwimmerkammern, so dass die Schwimmer die Ventile nicht schließen konnten und die Suppe fröhlich durch die Nadelventile hindurch in die Ansaugöffnungen überfließen konnte.
Nun war also der Fehler gefunden und schnell waren auch die Blind-Nippel durchbohrt, so dass dadurch nun entlüftet werden kann. Jedoch waren die Vergaser soeben auf die Reise nach Hamburg geschickt worden!
Inzwischen ist der 2. August erreicht, doch die Vergaser sind noch immer nicht zurück. Noch muss ich die Eisenschwein-Diät durchhalten. Wann wird die Dicke endlich wieder zufriedenstellend laufen, wann kann ich endlich wieder auf dem Bock sitzen?
Ich weiß nicht, ob Du dass nachvollziehen kannst, wie es so jemand wie mir geht, der so lange auf Entzug gesetzt wird. Es ist echt frustierend.

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